Du weißt genau, was Du tun solltest.
Die Steuererklärung liegt auf Deinem Schreibtisch. Deine Bewerbungsunterlagen müssten dringend aktualisiert werden. Du wolltest Dich längst um Deine Altersvorsorge kümmern, endlich wieder Sport machen oder diese Weiterbildung beginnen.
Und trotzdem machst Du es nicht.
Wenn Du Deine Prokrastination überwinden möchtest, ist genau das der entscheidende Punkt: herauszufinden, warum Du bestimmte Aufgaben immer wieder aufschiebst – und was Dir dabei hilft, tatsächlich anzufangen.
Vielleicht denkst Du morgens „Heute gehe ich das wirklich an.“
Dann beantwortest Du erst einmal ein paar E-Mails oder räumst etwas weg, Du erledigst zwei kleinere Dinge und schaust noch schnell etwas nach.
Und irgendwann ist der Tag vorbei.
Die eigentliche Aufgabe? Liegt immer noch da.
Wenn Dir das bekannt vorkommt, bist Du bei einem der häufigsten Probleme der Selbstorganisation angekommen:
Prokrastination.
Und die interessante Frage ist nicht: „Wie schaffe ich es endlich, mich zusammenzureißen?“
Sondern vielmehr: Warum schiebe ich diese Aufgabe überhaupt auf – und was brauche ich, damit ich anfangen kann?
Denn genau dort liegt meistens der entscheidende Unterschied.
Was bedeutet Prokrastination eigentlich?
Prokrastination bedeutet, dass wir eine Aufgabe aufschieben, obwohl wir wissen, dass es sinnvoll oder notwendig wäre, sie zu erledigen.
Das Entscheidende dabei: Aufschieben bedeutet nicht automatisch, dass wir nichts tun – ganz im Gegenteil.
Manchmal sind wir den ganzen Tag ausgesprochen beschäftigt.
Wir beantworten Nachrichten, erledigen Kleinigkeiten, räumen auf, recherchieren, planen und organisieren.
Am Ende des Tages haben wir vielleicht sogar zehn Dinge von unserer Liste gestrichen.
Nur diese eine Sache, die wir eigentlich erledigen wollten, ist immer noch offen.
Genau deshalb kann Prokrastination so schwer zu erkennen sein. Sie sieht nicht immer nach einem Nachmittag auf dem Sofa aus.
Sie kann auch ziemlich produktiv aussehen.
Warum schieben wir Aufgaben auf?
Es gibt nicht den einen Grund für Prokrastination.
Und genau deshalb funktioniert der übliche Rat „Du musst halt einfach anfangen.“ oft nur begrenzt.
Natürlich musst Du irgendwann anfangen.
Aber vorher lohnt sich eine andere Frage: Was steht gerade zwischen mir und dieser konkreten Aufgabe?
Denn eine unangenehme Aufgabe braucht möglicherweise eine andere Lösung als eine Aufgabe, bei der Du überhaupt nicht weißt, wo Du anfangen sollst.
Schauen wir uns die häufigsten Gründe genauer an:
1. Die Aufgabe ist unangenehm
Manche Aufgaben machen einfach keinen Spaß.
- Ein schwieriges Gespräch führen.
- Eine Reklamation schreiben.
- Die Steuerunterlagen zusammensuchen.
- Einen Arzttermin vereinbaren.
- Eine unangenehme Entscheidung treffen.
Wir wissen, dass wir die Sache erledigen müssen und wir wissen vielleicht sogar ziemlich genau, wie, ABER: Wir haben überhaupt keine Lust darauf.
Also verschieben wir sie:
- Heute nicht.
- Vielleicht morgen.
- Und aus morgen wird nächste Woche.
Das Problem: Die Aufgabe verschwindet dadurch nicht.
Stattdessen bleibt sie als offene Sache im Kopf. Du denkst immer wieder daran und siehst sie auf Deiner Liste – ständig.
Und irgendwann belastet Dich nicht mehr nur die ursprüngliche Aufgabe, sondern zusätzlich die Tatsache, dass Du sie schon so lange vor Dir herschiebst.
Was hilft?
Akzeptiere zunächst, dass nicht jede Aufgabe angenehm werden muss.
Du musst nicht plötzlich Lust auf Deine Steuererklärung bekommen.
Manchmal geht es schlicht darum, einen verbindlichen Zeitpunkt dafür festzulegen und die Sache zu erledigen.
2. Die Aufgabe ist zu groß
- Keller aufräumen.
- Website überarbeiten.
- Bewerbungsunterlagen aktualisieren.
- Altersvorsorge regeln.
- Weiterbildung machen.
Solche Punkte finden sich auf vielen Aufgabenlisten.
Das Problem: Sie sehen aus wie Aufgaben, sind aber eigentlich ganze Projekte.
Wenn Du „Website überarbeiten“ auf Deine Liste schreibst, muss Dein Kopf im Moment des Anfangens erst einmal herausfinden:
- Welche Seite?
- Was genau stimmt nicht?
- Brauche ich neue Texte?
- Was ist mit den Bildern?
- Muss die Struktur geändert werden?
- Und was mache ich zuerst?
Das erzeugt eine hohe Einstiegshürde.
Was hilft?
Mach die Sache kleiner. Also nicht „Bewerbungsunterlagen aktualisieren.“
Sondern beispielsweise „Lebenslauf öffnen und prüfen, welche Angaben nicht mehr aktuell sind.“
Nicht: „Keller aufräumen.“
Sondern lieber: „Die erste Kiste vollständig sortieren.“
Du musst nicht das komplette Projekt lösen, Du brauchst zunächst einen Schritt, den Du tatsächlich tun kannst.
3. Die Aufgabe ist unklar
Manchmal ist eine Aufgabe gar nicht besonders groß, aber wir wissen nicht genau, was zu tun ist.
- Vielleicht fehlt eine Information.
- Vielleicht ist die Erwartung unklar.
- Vielleicht musst Du erst eine Entscheidung treffen.
- Vielleicht weißt Du nicht, welches Ergebnis eigentlich herauskommen soll.
Und solange diese Frage offen ist, schiebst Du die Aufgabe immer wieder von einem Tag zum nächsten.
Was hilft?
Versuche nicht sofort, die Aufgabe zu erledigen. Kläre doch zuerst die Unklarheit.
Frag Dich: Was genau weiß ich gerade noch nicht?
Und anschließend: Was muss ich tun, um genau diese Information zu bekommen?
Manchmal besteht der nächste Schritt dann schlicht darin, jemanden anzurufen, eine Frage zu stellen oder eine Entscheidung zu treffen.
4. Du bereitest Dich immer weiter vor
Das ist eine besonders interessante Form der Prokrastination, denn sie fühlt sich überhaupt nicht nach Aufschieben an.
Nehmen wir ein Beispiel: Du möchtest Deine Bewerbungsunterlagen überarbeiten.
Also liest Du erst einmal etwas darüber, wie moderne Lebensläufe heute aussehen. Dann suchst Du nach Vorlagen. Danach recherchierst Du Bewerbungsstrategien und vielleicht schaust Du noch ein Video.
Du bist also scheinbar wirklich jetzt richtig dran am Thema Bewerbungen.
Oder?
Nicht unbedingt, denn Deinen eigenen Lebenslauf hast Du noch immer nicht geöffnet.
Dasselbe passiert bei Weiterbildungen, Sport, Websites, finanziellen Themen oder privaten Projekten.
- Wir recherchieren
- Planen
- Vergleichen
- Organisieren
Und bereiten uns immer besser auf etwas vor, mit dem wir längst anfangen könnten.
Was hilft?
Stell Dir diese Frage: Was davon muss ich wirklich wissen oder vorbereiten, bevor ich anfangen kann – und was könnte ich genauso gut später klären?
Oder noch konkreter: Wenn ich jetzt weitere 30 Minuten vorbereite – verändert das meinen ersten Schritt wirklich?
Wenn die Antwort Nein lautet, ist die Vorbereitung wahrscheinlich abgeschlossen und dann ist es Zeit, die eigentliche Sache anzufassen.
5. Du wartest auf mehr Zeit
- „Das mache ich am Wochenende.“
- „Dafür brauche ich mal einen freien Nachmittag.“
- „Wenn es im Job ruhiger wird.“
- „Nach dem Urlaub.“
- „Ab Montag.“
Auch das klingt zunächst oftmals völlig vernünftig, denn selbstverständlich brauchen manche Aufgaben Zeit.
Nur verwechseln wir dabei häufig zwei Dinge: Wie viel Zeit brauche ich, um die Sache fertigzustellen? und Wie viel Zeit brauche ich, um damit anzufangen?
Vielleicht brauchst Du tatsächlich mehrere Stunden, um Deine kompletten Bewerbungsunterlagen zu überarbeiten. Aber brauchst Du mehrere Stunden, um Deinen Lebenslauf zu öffnen?
Vielleicht brauchst Du einen halben Tag, um den gesamten Keller aufzuräumen. Aber brauchst Du einen halben Tag, um eine Kiste zu sortieren?
Was hilft?
Frag Dich: Welche Bedingungen glaube ich zu brauchen, bevor ich anfangen kann?
- Mehr Zeit?
- Mehr Ruhe?
- Mehr Energie?
- Einen freien Kopf?
Und dann: Welche davon brauche ich wirklich zum Anfangen – und welche nur zum Fertigmachen?
Der perfekte Zeitpunkt zum Fertigstellen mag manchmal wichtig sein. Zum Anfangen reicht erstaunlich oft ein ziemlich gewöhnlicher Dienstag.
6. Du wartest auf Motivation
„Wenn ich mich danach fühle, mache ich es.“
Das kann funktionieren – jedenfalls bei Dingen, die wir gerne tun.
Bei vielen aufgeschobenen Aufgaben ist es allerdings ein ziemlich riskanter Plan, denn vielleicht wirst Du morgen genauso wenig Lust auf Deinen Papierkram haben wie heute.
Motivation ist außerdem nicht zwingend die Voraussetzung dafür, dass wir anfangen. Häufig entsteht Motivation erst dadurch, dass wir bereits angefangen haben und merken:
„Okay jetzt bin ich drin. Jetzt geht es weiter.“
Was hilft?
Mach Motivation nicht zur Eintrittskarte.
Die Frage lautet nicht: „Habe ich gerade Lust darauf?“
Sondern vielmehr: „Kann ich trotzdem anfangen?“
Warum offene Aufgaben so viel Energie kosten können
Eine aufgeschobene Aufgabe dauert vielleicht nur 30 Minuten, trotzdem kann sie Dich wochenlang beschäftigen.
Denn jedes Mal, wenn Du sie siehst oder an sie denkst, taucht sie wieder auf: „Das müsste ich auch noch machen.“
Und damit wird aus einer einzelnen Aufgabe etwas, das ständig ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt.
Besonders belastend wird das, wenn zusätzlich Gedanken dazukommen wie:
- „Warum habe ich das immer noch nicht erledigt?“
- „Jetzt ist es schon wieder so spät.“
- „Eigentlich hätte ich das längst machen müssen.“
- „Morgen muss ich aber wirklich.“
Die eigentliche Aufgabe wird dadurch nicht leichter. Sie bekommt nur immer mehr Vorgeschichte.
Deshalb lohnt es sich, solche Aufgaben nicht nur danach zu beurteilen, wie dringend sie sind.
Sondern auch danach: Wie viel Aufmerksamkeit bindet diese offene Sache gerade?
Prokrastination überwinden: 4 Schritte, die Dir beim Anfangen helfen
Wenn Du eine Aufgabe immer wieder aufschiebst, würde ich nicht mit einem neuen Produktivitätssystem beginnen. Und auch nicht mit der Frage, wie Du Dich besser disziplinieren kannst.
Ich würde vier Schritte gehen.
Schritt 1: Verstehen
Nimm eine konkrete Aufgabe, die Du gerade aufschiebst. Nicht Deine komplette To-do-Liste. Nur eine.
Und frag Dich: Warum fange ich damit gerade nicht an?
- Ist sie unangenehm?
- Zu groß?
- Unklar?
- Fehlt eine Entscheidung?
- Wartest Du auf mehr Zeit?
- Bereitest Du Dich immer weiter vor?
- Fehlt tatsächlich eine wichtige Information?
- Oder möchtest Du die Sache eigentlich überhaupt nicht mehr machen?
Versuche, so konkret wie möglich zu werden. Denn: Der Grund bestimmt die Lösung.
Schritt 2: Kleiner machen
Jetzt geht es nicht darum, die komplette Aufgabe durchzuplanen. Du brauchst lediglich einen Einstieg.
Frag Dich: Was wäre eine konkrete Handlung, mit der ich beginnen könnte?
Sie sollte so konkret sein, dass Du nicht noch einmal überlegen musst, was Du damit meinst.
- „Steuer machen“ ist nicht konkret.
- „Steuerordner aus dem Schrank holen“ schon.
- „Sport machen“ ist nicht konkret.
- „Schuhe anziehen und 20 Minuten gehen“ schon.
- „Website überarbeiten“ ist nicht konkret.
- „Startseite öffnen und den ersten veralteten Absatz markieren“ schon.
Schritt 3: Den Einstieg vorbereiten
Jetzt darf Vorbereitung tatsächlich hilfreich sein, denn gute Vorbereitung senkt die Hürde zum Anfangen.
- Lege beispielsweise die Unterlagen bereit.
- Öffne das Dokument schon einmal.
- Blockiere Dir einen realistischen Zeitraum.
- Lege die Sportsachen am Abend vorher hin.
- Schreibe Dir die Telefonnummer heraus, die Du brauchst.
Aber: Bereite nur das vor, was den Einstieg erleichtert.
Nicht alles, was Du theoretisch noch recherchieren, optimieren oder organisieren könntest.
Schritt 4: Anfangen
Und dann kommt der Teil, den kein System vollständig für Dich übernehmen kann:
- Du fängst an.
- Nicht perfekt.
- Nicht unbedingt motiviert.
- Nicht mit drei freien Stunden.
- Und auch nicht mit dem Anspruch, heute alles fertigzustellen.
Sondern mit dem Schritt, den Du Dir gerade vorbereitet hast.
Das Ziel ist zunächst nicht: fertig werden.
Das Ziel ist: aus dem Stillstand in Bewegung kommen.
Eine einfache Übung gegen Aufschieben
Wenn Du gerade eine konkrete Aufgabe im Kopf hast, nimm Dir fünf Minuten und vervollständige diese vier Sätze:
- Ich schiebe gerade auf:
- Ich schiebe es auf, weil:
- Um anfangen zu können, brauche ich wirklich:
- Mein erster konkreter Schritt ist:
Und dann schau auf Deine letzte Antwort.
- Kannst Du diesen Schritt heute tun?
- Nicht das komplette Projekt.
- Nicht alles, was danach kommt.
- Nur diesen einen Schritt.
Was Du nicht brauchst, um endlich anzufangen
Du brauchst nicht zwingend:
- den perfekten Plan,
- maximale Motivation,
- einen komplett freien Tag,
- ein neues Zeitmanagement-System,
- die perfekte App,
- noch mehr Informationen
- oder den berühmten Montag.
Du brauchst vor allem Klarheit darüber, warum Du gerade nicht anfängst und was Deinen Einstieg leichter machen würde.
Das klingt weniger spektakulär als der nächste Produktivitäts-Hack, ist im Alltag aber häufig wesentlich hilfreicher.
Du möchtest nicht nur weniger aufschieben, sondern tatsächlich anfangen?
Wenn Du beim Lesen bereits an eine Aufgabe gedacht hast, die Du schon viel zu lange vor Dir herschiebst, dann nimm genau diese.
In meinem Minikurs „Prokrastination & Anfangen“ arbeitest Du Schritt für Schritt daran:
1. Verstehen
Du findest heraus, warum Du diese Aufgabe aufschiebst.
2. Kleiner machen
Du entwickelst einen machbaren Einstieg.
3. Vorbereiten
Du schaffst die Bedingungen, die Du wirklich brauchst.
4. Anfangen
Du kommst aus dem Nachdenken und Aufschieben ins tatsächliche Tun.
Der Minikurs kostet 37 € und ist so aufgebaut, dass Du ihn direkt auf eine konkrete Aufgabe anwenden kannst.
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Fazit: Nicht mehr aufschieben – anfangen
Prokrastination lässt sich nicht immer mit demselben Trick lösen.
- Manchmal ist eine Aufgabe zu groß.
- Manchmal ist sie unangenehm.
- Manchmal fehlt Klarheit.
- Manchmal bereiten wir uns immer weiter vor.
- Und manchmal warten wir auf einen perfekten Zeitpunkt, der im normalen Alltag einfach nicht auftaucht.
Deshalb ist die wichtigste Frage nicht: „Wie werde ich endlich disziplinierter?“
Sondern vielmehr: „Was hält mich bei dieser konkreten Aufgabe gerade vom Anfangen ab?“
Finde darauf eine ehrliche und möglichst konkrete Antwort.
- Mach Deinen Einstieg kleiner.
- Bereite das vor, was Du wirklich brauchst.
- Und dann: Fang an.
Nicht irgendwann. Nicht perfekt. Mit dem, was heute möglich ist.